Die Architektur der Gemeinschaft: Das GeKu-Haus als lebendiges Labor
Als ich Margaretes Augen leuchten sehe, während sie mit dem jungen Tobias im Gemeinschaftsraum des GeKu-Hauses spielt, verstehe ich sofort, was Reinhard Wiesemann meint, wenn er von "egoistischem Altruismus" spricht. Die 92-jährige Frau und der junge Mann mit Behinderung haben eine besondere Verbindung zueinander gefunden – eine Beziehung, die beide bereichert und die mir zeigt: Altern kann so viel mehr sein als der einsame Rückzug, den viele von uns befürchten.
"Ich habe etwas wirklich Verrücktes gemacht", erzählt Reinhard Wiesemann mit einem verschmitzten Lächeln. "Ich kaufte ein altes Versicherungsgebäude mitten in der Fußgängerzone in einem nicht gerade angesagten Teil von Essen."
Was zunächst nach einer gewagten Immobilieninvestition klingt, entpuppt sich als tiefgründiges soziales Experiment. Das komplett entkernte und umgebaute Gebäude ist heute das GeKu-Haus – ein lebendiges Labor für selbstbestimmtes Altern in Gemeinschaft, in dem 45 Menschen verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen zusammenleben.
Der Rundgang durch das Haus offenbart die durchdachte Struktur: Ein Musikraum im Keller, ein gemeinsamer Fitnessbereich, eine kleine Sauna, ein Heimkino mit bequemen Sesseln. Auf der Dachterrasse eine lange Rutsche, die bis in die nächste Etage reicht – ein Symbol für die Verspieltheit und Lebensfreude, die hier herrscht.
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Reflexionsfrage:
Wenn Sie Ihr eigenes Wohnumfeld für das Alter gestalten könnten – welche Räume wären Ihnen besonders wichtig? Welche Aktivitäten möchten Sie in Ihrer unmittelbaren Nähe haben?
Die Balance zwischen Individualität und Gemeinschaft
"Das GeKu-Haus folgt keiner Religion, Philosophie oder ähnlichem", erklärt Wiesemann. "Wir sind einfach 45 Individuen mit eigenen Köpfen, die sich eine Kaffeemaschine teilen."
Diese einfache Aussage spiegelt einen zentralen Aspekt des Konzepts wider: Es geht nicht darum, die eigene Individualität aufzugeben, sondern sie in einer unterstützenden Gemeinschaft zu leben. Jeder Bewohner hat seinen eigenen, privaten Rückzugsraum, gleichzeitig stehen großzügige Gemeinschaftsflächen zur Verfügung.
Wolfgang Nötzold, 73 Jahre alt und einer der ersten Bewohner des GeKu-Hauses, drückt es poetisch aus, während er mit seinen Kreiseln spielt: "Wir sind alle sehr unterschiedlich, individuell, das kann man wirklich nicht übersehen. So wie diese Kreisel – jeder mit eigener Größe, Form und Drehgeschwindigkeit."
Besonders beeindruckend ist die fünfte Etage, die zu einem unterstützten Wohnbereich umgebaut wurde. Hier leben Margarete und eine weitere ältere Dame – die Mütter von Reinhard und seiner Partnerin Monika. "Sie sind gewissermaßen unsere Versuchskaninchen für unseren eigenen Alterungsprozess", erklärt er offen. "Wenn wir sehen, dass sie eine gute Erfahrung machen, dann stehen die Chancen gut, dass wir das auch tun werden."
Die Kraft der Vorausplanung: Heute die Zukunft gestalten
Margitta Wiesemann, Reinhards 86-jährige Mutter, blättert in einem alten Fotoalbum. Die Bilder zeigen eine aktive, lebenslustige Frau – Eigenschaften, die sie bis heute bewahrt hat. Als ich frage, wie sie sich auf ihren Lebensabend vorbereitet hat, lächelt sie: "Ich habe eigentlich immer gesagt, eines Tages könnt ihr mich einfach in irgendeinem Pflegeheim unterbringen. Das ist mir egal."
Doch ihr Sohn Reinhard hatte andere Pläne. Als Erfinder und Innovator – nicht nur im technischen, sondern auch im sozialen Bereich – hatte er die Vision eines Ortes, an dem Menschen würdevoll und selbstbestimmt altern können.
"Ich denke, es ist fantastisch, die Möglichkeit zu haben, darüber nachzudenken, wo und wie man alt werden möchte, solange noch Wahlmöglichkeiten bestehen", sagt er mit Nachdruck. Diese frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema Altern war entscheidend für die Entstehung des GeKu-Hauses.
Handlungsimpuls:
Beginnen Sie heute, nicht morgen, mit der Planung Ihres dritten Lebensabschnitts. Welche Wohnform entspricht Ihren Bedürfnissen? Welches soziale Netz möchten Sie um sich haben? Wie sichern Sie Ihre finanzielle Unabhängigkeit? Konkrete Schritte könnten sein:
Leben mit Demenz: Würde bewahren in der Verletzlichkeit
Besonders berührend ist die Geschichte von Marga Weindorf, 85 Jahre alt und ehemalige Bewohnerin des GeKu-Hauses. Mit ihren geschickten Händen häkelt sie kleine Beutel und Accessoires, die sie auf dem Markt verkauft. "Solange ich geben kann, lebe ich", sagt sie mit einem Funkeln in den Augen.
Als ihre Demenz fortschreitet, ändert sich ihr Leben, aber nicht ihr Wert als Mensch. Im Film sehen wir, wie sie von Schwester Brigitta Schröder besucht wird – einer 88-jährigen qualifizierten Alltagsbegleiterin für Menschen mit Demenz. Brigittas Zugang zu Menschen mit Demenz ist von tiefer Empathie geprägt. "Ich sage nie 'Demenzkranke', ich bevorzuge 'Menschen mit Demenz'. Aber ich kürze es immer ab zu MMD – 'Miteinander Mut haben'."
Diese Perspektive verändert den Blick auf Demenz grundlegend. Es geht nicht um Defizite, sondern um die verbleibenden Ressourcen und darum, gemeinsam mutig zu sein. Durch Musik, Berührung und kreative Aktivitäten erreicht Brigitta Menschen wie Marga auch dann noch, wenn Worte versagen.
"Selbst diejenigen, die nicht mehr sprechen können, haben noch viel zu sagen", erklärt Brigitta. "Und diejenigen, die keine Worte mehr finden, sprechen 'dementisch'."
**Kernbotschaft:** Selbstbestimmung hört nicht auf, wenn kognitive Fähigkeiten nachlassen. Es geht dann vielmehr darum, Würde zu bewahren und individuelle Ausdrucksformen zu respektieren. Planen Sie nicht nur für die aktiven Jahre, sondern auch für mögliche Phasen der Vulnerabilität.
Technologie als Brücke zwischen den Generationen
Im Zentrum 60 Plus der Caritas erlebe ich eine besondere Form des intergenerationellen Austauschs: die Smartphone-Sprechstunde. Junge Menschen erklären älteren Menschen geduldig die Funktionen ihrer Smartphones und beantworten Fragen – alles auf freiwilliger Basis.
"Viele ältere Menschen schämen sich, wenn sie Fragen haben, die für junge Menschen offensichtlich sind", erklärt ein Mitarbeiter. "Aber das sollte niemals passieren. Wenn Sie Fragen haben, haben Sie keine Angst, sie zu stellen."
Für die jungen Menschen ist es eine wertvolle Erfahrung, in eine andere Rolle zu schlüpfen und zu erleben, wie es ist, Wissen weiterzugeben. Das Smartphone wird zum verbindenden Element zwischen den Generationen.
"Technologie im Alter bedeutet Freiheit", betont der Mitarbeiter. Diese Freiheit kann der Schlüssel zu anhaltender Selbstbestimmung sein – sei es durch digitale Kommunikation mit Familie und Freunden, Zugang zu Informationen oder die Nutzung von Unterstützungsdiensten.
Handlungsimpuls:
Besuchen Sie eine Smartphone- oder Computer-Sprechstunde in Ihrer Nähe. Oder noch besser: Organisieren Sie ein regelmäßiges Treffen mit jüngeren Familienmitgliedern oder Nachbarn, um gemeinsam digitale Kompetenzen zu entwickeln. Konkret könnten Sie:
Die Kraft des eigenen Weges: Individualität im Alter bewahren
Was mich am GeKu-Haus und den anderen Beispielen aus dem Film besonders berührt, ist die Vielfalt der Lebenswege. Von Wolfgang mit seinen philosophischen Kreiseln über die kreative Marga bis hin zu Schwester Brigitta mit ihrer spirituellen Tiefe – jeder hat seinen einzigartigen Weg gefunden, das Alter zu gestalten.
"Es gibt nicht den einen 'richtigen' Weg zu altern", bringt es Wolfgang auf den Punkt. "Man muss unterscheiden zwischen Faktoren, die wir kontrollieren können, und solchen, die wir nicht kontrollieren können."
Diese Erkenntnis befreit von gesellschaftlichen Erwartungen und eröffnet Raum für authentisches Leben bis ins hohe Alter. Es geht nicht darum, einem idealen Bild des "erfolgreichen Alterns" zu entsprechen, sondern den eigenen, individuellen Weg zu finden.
Marga drückt es in ihrer direkten Art so aus: "Ich habe solch ein schönes Leben jetzt, mit großen Höhen. Aber es gibt diejenigen, deren Linie einfach horizontal ist. Das muss sehr langweilig sein."
Ihr Alter, Ihr Weg! Gestalten Sie Ihr Leben im Alter so, wie es zu Ihnen passt. Lassen Sie sich nicht von gesellschaftlichen Erwartungen einschränken, sondern finden Sie Ihren eigenen Rhythmus, Ihre eigenen Prioritäten und Ihre eigene Definition von einem erfüllten Lebensabend.
Vom Materiellen zum Sozialen: Reichtum neu definieren
Ein wiederkehrendes Thema im GeKu-Haus ist die Neuausrichtung von Werten im Alter. "Wir können die Zeit wie einen Güterzug mit leeren Waggons an uns vorbeiziehen lassen und dann buchstäblich ein unerfülltes Leben haben", sagt Reinhard. "Oder wir füllen sie mit schönen Dingen, die für jeden von uns anders sind, schaffen ein erfülltes Leben und haben mehr Freude daran."
Für Marga bedeutet dieses Füllen, ihre handwerklichen Fähigkeiten einzubringen: "Ich brauche kein Gold oder Geld. Solange ich meine Ausgaben decken kann, brauche ich nicht mehr als das."
Brigitta findet Erfüllung im Dienst an anderen und in ihrer Spiritualität. "Ich habe mir im Spiegel in die Augen geschaut und gesagt: Es ist großartig, dass ich existiere", erklärt sie mit einem Strahlen. "Sich selbst mit allen Ecken und Kanten anzunehmen."
Wolfgang wiederum findet Sinn in der Betrachtung und Weitergabe seiner Lebensphilosophie, verkörpert durch seine Kreiselsammlung.
All diese Beispiele zeigen: Im Alter verschiebt sich der Fokus oft vom Materiellen zum Sozialen, vom Haben zum Sein, von der Quantität zur Qualität des Lebens.
Reflexionsfragen:
Die Kraft der Vorbilder: Von der Angst zur Gestaltung
Reinhards Motivation für das GeKu-Haus war zutiefst persönlich: "Nachzudenken, wie wir selbst alt werden wollten, war die Motivation dahinter." Indem er und seine Partnerin Monika für ihre Mütter einen würdevollen Ort des Alterns schaffen, entwickeln sie gleichzeitig ein Modell für ihr eigenes Altern.
Diese vorausschauende Herangehensweise verwandelt diffuse Ängste vor dem Alter in konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Statt das Altern als unausweichliches Schicksal zu betrachten, wird es zu einem Lebensabschnitt, den man aktiv planen und gestalten kann.
Das GeKu-Haus ist damit mehr als nur ein Wohnprojekt – es ist ein Mutmacher, ein Beispiel dafür, dass alternatives Altern möglich ist. Es inspiriert dazu, nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft zu planen und dabei die eigenen Bedürfnisse und Wünsche in den Mittelpunkt zu stellen.
Handlungsimpuls:
Suchen Sie sich positive Vorbilder für Ihr eigenes Altern – Menschen, deren Art zu leben Sie inspiriert. Das können persönliche Bekannte sein, aber auch öffentliche Persönlichkeiten oder eben Projekte wie das GeKu-Haus. Konkret könnten Sie:
Gemeinschaft als Ressource: Einsamkeit vorbeugen, Verbindungen stärken
Im GeKu-Haus wird dem Problem der Alterseinsamkeit aktiv entgegengewirkt – durch gemeinsame Mahlzeiten, Aktivitäten und den bewussten Aufbau einer unterstützenden Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft trägt nicht nur in guten Zeiten, sondern besonders auch in Krisensituationen. Als Margas Demenz fortschreitet, ist sie nicht allein. Die Gemeinschaft passt sich an, findet neue Wege der Kommunikation und sorgt dafür, dass sie weiterhin teilhaben kann.
"Unsere moderne Gesellschaft wird zunehmend isoliert", beobachtet Wolfgang. "Aber hier sind Sie eingeladen, teilzunehmen." Diese Einladung zur Teilhabe ist das Herzstück des GeKu-Hauses und ein wesentlicher Faktor für die Lebensqualität seiner Bewohner.
Investieren Sie frühzeitig in Ihre sozialen Beziehungen – sie sind die tragfähigste Altersvorsorge, die Sie aufbauen können. Eine starke Gemeinschaft bietet nicht nur praktische Unterstützung, sondern auch emotionale Sicherheit und ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Lassen Sie sich vom GeKu-Haus und den anderen Beispielen aus den Mutmacher-Filmen inspirieren! Treten Sie mit uns in Kontakt, tauschen Sie sich mit Gleichgesinnten aus und beginnen Sie noch heute, Ihre Zukunft aktiv zu gestalten. Wie Margarete, Wolfgang, Marga und Brigitta können auch Sie Ihren ganz persönlichen Weg zu einem erfüllten dritten Lebensabschnitt finden – selbstbestimmt, gemeinschaftlich und mit dem Mut, neue Wege zu gehen.
